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Schwarz-weiß Foto eines alten Metalleimers, gefüllt mit Wasser, das die Umgebung spiegelt.

„Was Du Heute Kannst Besorgen…“ Vs. „Alles Hat Seine Zeit“

Arne Gülzau

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Hey! Am 6. September ist „Fight Procrastination Day“! Oh, wie übersetzt man das ins Deutsche? „Anti-Aufschiebe-Tag“ wäre prägnant, aber irgendein vermeintlicher Sprach-Nerd in der Jahrestagvergabestelle besteht natürlich auf „Kämpfe-gegen-die-Prokrastination-Tag“. Während ich noch abwäge, ob das jetzt ein Imperativ („Kämpfe!“) oder einfach eine sperrige Kalenderfloskel ist, prokrastiniere ich bereits erfolgreich. Herzlichen Glückwunsch zum Themaeinstieg.

Was ist Prokrastination eigentlich?

Klassisch: das berüchtigte Aufschieben. Nicht zu verwechseln mit „Ich habe Wichtigeres zu tun“ (was in Wahrheit oft nur eine raffiniertere Variante davon ist). Prokrastination bedeutet, dass wir sinnvolle, notwendige oder dringende Aufgaben verdrängen und stattdessen Dinge tun, die wir uns selbst als Ersatz-Aufgaben schönreden. Beispiele gefällig?

  • – Steuererklärung vs. „Ich muss dringend meine Spotify-Playlist kuratieren.“
  • – Datenmodellierung vs. „Wenn ich schon nicht schreibe, kann ich immerhin mal den Kühlschrankinhalt nach Ablaufdaten sortieren.“
  • – Arzttermin vereinbaren vs. „Aber vorher will ich ganz schnell herausfinden, ob Faultiere wirklich schwimmen können.“

Das Gehirn liebt die kurzfristige Belohnung und hasst diffuse Bedrohungen wie Deadlines. Deshalb gewinnen Playlist und Faultier oftmals gegen Steuer und Zahnarzt.

Kein Wunder also, dass „Aufschieberitis“ (noch so ein sprachliches Verbrechen) laut einer Umfrage mit 26 % die häufigste schlechte Angewohnheit der Deutschen ist – noch vor „Kein Sport treiben“ (21 %), „Rauchen“ (20 %) und dem Klassiker „Weiß nicht, keine Angabe“ (1 %) 😉 (Statista, Schlechte Angewohnheiten der Deutschen).

Solange man darüber lachen kann, ist das kein Problem – fast jede:r kennt das Phänomen. Doch Aufschieben kann auch krankhaft werden und psychische wie körperliche Leiden nach sich ziehen. Wer zu viele Dinge liegen lässt, ist schnell enttäuscht von sich selbst, enttäuscht andere oder belastet Kolleg:innen. Daraus können depressive Verstimmungen, problematische Verhaltensweisen oder Süchte entstehen. Manche lenken sich mit Computerspielen oder Alkohol ab – mit bekannten Folgen. Besser also: Priorisieren, Planen, Störungen vermeiden und große Aufgaben in kleine Häppchen zerlegen. Ein Anfang ist gemacht.

Und dann kam die Präkrastination

Wem Prokrastination zu gemütlich klingt, darf sich jetzt anschnallen. Präkrastination ist das Gegenteil: das überstürzte Erledigen von Aufgaben, nur um sie loszuwerden und sofort eine kleine Belohnung einzukassieren.

Der Begriff ist noch gar nicht so alt. Erst 2014 führte ihn der Psychologe David A. Rosenbaum von der University of California ein, als er ein Experiment durchführte: Teilnehmer:innen sollten einen von zwei gleich schweren Eimern bis ans Ende einer Strecke tragen. Einer stand direkt bei ihnen, der andere etwas weiter entfernt – dafür näher am Ziel. Sie durften frei wählen. Überraschenderweise entschieden sich die meisten für den Eimer direkt vor ihren Füßen, obwohl das bedeutete, dass sie einen längeren Weg unter Last zurücklegen mussten. Offenbar nahmen sie die zusätzliche Anstrengung in Kauf, nur um die Aufgabe sofort anpacken zu können und das Gefühl schneller Erledigung zu genießen. (David A. Rosenbaum, Hastening Subgoal Completion at the Expense of Extra Physical Effort).

Wer Aufgaben reflexartig sofort erledigt, läuft Gefahr, Energie zu verschwenden. Man gewöhnt sich daran, nach der erstbesten statt nach der besten Lösung zu greifen. Das Ergebnis: mittelmäßige Qualität und eine höhere Fehleranfälligkeit.

Und doch kennen wir alle diese Momente des voreiligen Erledigens:

  • – Eine Mail trudelt ein, du springst sofort drauf – Arbeitsfluss dahin.
  • – Du packst deinen Koffer zwei Wochen vor dem Urlaub, obwohl du die Klamotten noch brauchst. Hauptsache „abgehakt“.
  • – Du packst 5 Kilo Äpfel als Erstes in den Einkaufswagen und schleppst sie quer durch den Laden – obwohl du später an der Kasse ohnehin wieder an den Äpfeln vorbeikommst.

Die Wissenschaft spricht hier von einer Art „kognitiver Erleichterung“. Wir wollen Ballast abwerfen, bevor er überhaupt zu Ballast wird. Klingt effizient, fühlt sich toll an – ist aber oft ineffektiv. Die Äpfel lassen grüßen.

Pro vs. Prä – der Showdown

Man könnte also sagen: Prokrastinierende schieben zu spät & Präkrastinierende erledigen zu früh.

Und irgendwo dazwischen liegt das goldene Mittelmaß: ein bisschen Aufschub, aber nicht so viel, dass die Deadline uns nachts um drei ins Gesicht springt. Ein bisschen Soforterledigung, aber nicht so zwanghaft, dass man schon den Müll runterbringt, bevor überhaupt jemand etwas weggeworfen hat.

Warum gerade am 06. September?

Das Datum ist beliebig, an dem Tag ist kein berühmter Prokrastinierer über seinen Schatten gesprungen und hat seinen Schreibtisch aufgeräumt oder so. Der „Fight Procrastination Day“ (wir lassen es jetzt auf Englisch) will uns schlicht daran erinnern, dass extremes Aufschieben nicht gesund ist: Stress, Schuldgefühle, Schlaflosigkeit – alles nicht zu unterschätzen.

Aber vielleicht sollte es gleichzeitig auch einen „Denke-an-die-Präkrastination-Tag“ geben. Denn zu frühes Abarbeiten ist nicht automatisch besser, sondern manchmal nur eine andere Art von Kontrollzwang.

Die Lösung liegt also nicht im Kampf gegen irgendeine Form der -krastination, sondern in der Balance. Aufgaben mit Verstand und Timing erledigen. Nicht alles sofort, nicht alles nie. 😊